Mittwoch, 4 Nov. 2026

Herbert Blomstedt

In tiefer Trauer nehmen das Gewandhausorchester und das Gewandhaus Abschied von seinem ehemaligen Gewandhauskapellmeister und Ehrendirigenten Herbert Blomstedt, der am 04.11.2026 im Alter von 99 Jahren in Göteborg verstorben ist.

Mit Herbert Blomstedt verliert das Gewandhausorchester einen der bedeutendsten Dirigenten unserer Zeit, einen außergewöhnlichen Musiker und einen Menschen von seltener Bescheidenheit, Integrität und Güte. Über Jahrzehnte prägte er das musikalische Leben Leipzigs weit über seine Amtszeit als Gewandhaus-kapellmeister hinaus. Wo immer Herbert Blomstedt das Podium betrat, begegneten ihm Publikum und Orchester mit außergewöhnlicher Zuneigung und tiefem Respekt. Seine Konzerte waren nie Selbstdarstellung, sondern stets ein Dienst an der Musik.

Von 1998 bis 2005 war Herbert Blomstedt 19. Gewandhaus-kapellmeister. Nach seinem Ausscheiden blieb er dem Orchester als Ehrendirigent in tiefer freundschaftlicher Verbundenheit erhalten. Noch im hohen Alter stand er mit bewundernswerter geistiger Klarheit, ungebrochener Neugier und großer künstlerischer Präsenz am Pult der führenden Orchester der Welt. Im Jahr 2022 wurde ihm für sein herausragendes Wirken das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Bereits 2017 ehrte ihn die Stadt Leipzig mit ihrer Ehrenmedaille.

Noch im Jahr seines 90. Geburtstages leitete Herbert Blomstedt die vierwöchige Jubiläumstournee des Gewandhausorchesters zum 275-jährigen Bestehen des Orchesters durch Europa und Asien.

Bis zuletzt dirigierte Herbert Blomstedt mit einer künstlerischen Hingabe und inneren Kraft, die Musikerinnen, Musiker und Publikum gleichermaßen berührten.

„Die Musik soll sprechen – ich sehe meine Aufgabe darin, dass die Musik möglichst viel sagt, ich möglichst wenig.“ Kaum ein Satz beschreibt Herbert Blomstedts künstlerisches Credo treffender. Mit seiner Demut vor der Partitur, seiner außergewöhnlichen Musikalität und seiner tiefen Menschlichkeit wurde er für Generationen von Musikerinnen und Musikern zum Vorbild.

„Mit Herbert Blomstedt verlieren wir einen der größten Musiker unserer Zeit und einen außergewöhnlichen Menschen“, sagt Gewandhausdirektor Prof. Andreas Schulz. „Er hat das Gewandhausorchester künstlerisch nachhaltig geprägt und uns zugleich gelehrt, dass Größe aus Bescheidenheit erwächst. Seine Güte, seine Wahrhaftigkeit und seine unerschütterliche Hingabe an die Musik werden uns für immer Vorbild bleiben. Wir verneigen uns in Dankbarkeit vor seinem Lebenswerk.“

„Freunde.“ Mit diesem einen Wort beantwortete Herbert Blomstedt in einem Interview die Frage, was er einmal hinterlassen wolle, erinnert Bernhard Krug, Vorsitzender des Orchestervorstands. „Dass Herbert Blomstedt gerade dieses Wort wählte, sagt alles über ihn. Er hinterlässt unzählige Freunde in aller Welt – und ganz besonders in Leipzig. Er prägte unser Orchester mit höchster musikalischer Autorität, niemals durch Macht, sondern durch Vertrauen, Respekt und Menschlichkeit.“

Herbert Blomstedt übernahm das Gewandhausorchester 1998 als Nachfolger von Kurt Masur. Während seiner Amtszeit erneuerte er das Orchester behutsam, aber nachhaltig. Er schärfte Klang und Klangkultur, etablierte eine historisch informierte Aufführungspraxis, führte die deutsche Sitzordnung wieder ein und erweiterte das Repertoire entscheidend – von Bach, Händel, Haydn und Mozart bis hin zu Berwald, Sibelius, Nielsen und Stenhammar. Zugleich setzte er Maßstäbe in den Werken von Beethoven, Schubert, Mendelssohn, Brahms und Bruckner, deren Interpretationen bis heute Referenzcharakter besitzen.

Ebenso nachhaltig wirkte Herbert Blomstedt über das Konzertpodium hinaus. Er gab entscheidende Impulse für die Musikvermittlung, initiierte Familienkonzerte, begründete die Mendelssohn-Festtage und stärkte die internationale Ausstrahlung des Gewandhausorchesters. Entscheidende Impulse zur Internationalisierung und Professionalisierung hat er mit der Neuausrichtung des künstlerischen Managements gegeben und dafür auch die Position des Gewandhausdirektors wiederbesetzt. Zahlreiche preisgekrönte Einspielungen dokumentieren sein künstlerisches Vermächtnis.

Herbert Blomstedt war eine Ausnahmeerscheinung – nicht allein wegen seiner überragenden musikalischen Begabung, sondern weil er Kunst und Menschlichkeit in einzigartiger Weise miteinander verband. Das Gewandhausorchester verliert seinen Ehrendirigenten; das Gewandhaus eine in jeder Hinsicht vorbildliche und wegweisende Persönlichkeit. Leipzig verliert einen seiner größten Künstler. Seine Musik, sein Geist, seine Zugewandtheit und seine Menschlichkeit werden bleiben.

Die Großen Concerte des Gewandhausorchesters unter der Leitung von Andris Nelsons am 5., 6. und 8. November werden seinem Andenken gewidmet sein.

Ein Kondolenzbuch liegt ab Freitag, 6. November 2026, im Hauptfoyer des Gewandhauses für einen persönlichen Abschied bereit.

Öffnungszeiten des Hauptfoyers:
Fr., 6.11., 10 bis 18 Uhr
Sa., 7.11., 10 bis 18 Uhr
Mo., 9.11., 10 bis 17 Uhr
Di., 10.11., 10 bis 18 Uhr

Do., 12.11., 14 bis 18 Uhr
Fr., 13.11., 10 bis 18 Uhr

Foto: (c) Gert Mothes

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